Ein paar Stunden Zeit

Irgendwann beginnt man, auf Details zu achten. Irgendwann heißt: von Anfang an. Meine Runde dauert dreieinhalb Stunden und die verbringe ich damit, mich genau umzuschauen, meine Umgebung zu betrachten, die Menschen, die an den Fenstern stehen oder Sonnenuntergang gucken. Und manchmal fallen einem Dinge auf, die möchte man gar nicht sehen. Oder man hört Dinge, die möchte man nicht hören. Da hört man ein Feuerwerk – mitten am Tag – vielleicht von ein paar Leuten, die ihre Silvesterreste aufbrauchen. Tagsüber. Bei strahlendem Sonnenschein. Vielleicht von ein paar der wenigen Menschen, die pünktlich 19:00 Uhr ins Bett gehen und daher AUSSCHLIESSLICH im Hellen Leben? Nee, glaub ich nicht. Ich werfe Blicke über Gartenzäune, ich habe ja keine andere Wahl. Dann sehe ich Kinder, fröhlich spielend auf Piratenschiffen, die sich in ihren Größen überbieten. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann wird’s auch genau so sein: Da die Gärten so einsichtig sind, liefern sich die jungen, eifrigen Väter einen Wettkampf um den größten privaten Kinderspielplatz. Für den verwöhnten Sohnemann selbstverständlich nur das Beste vom Besten. Den Geruch nach frischer Farbe von den neuesten Spielplatzerweiterungen verbinde ich mit Frühling. Ja, so fühlt sich das an: In der Sonne ist es warm, die Bäume und Sträucher sind nur noch zu 99% braun und die stummen Optimisten, die ich an diesem frühen Sonntagmorgen traf, gucken nicht mehr halb so grimmig. C'est la vie. J'aime la vie. Ich amüsiere mich im Vorbeigehen darüber, dass es ein Haus gibt, in dem der Fernseher IMMER läuft. Ob ich nun Samstagnachmittag unterwegs bin oder Samstagabend oder eben Sonntagfrüh. Selbst, wenn ich mal mitten in der Woche an dem Haus vorbeigehe oder fahre: Der Fernseher läuft. Dann hoffe ich doch mal, dass es kein Samsung Smart TV ist, der den ein oder anderen Wortfetzen aufnimmt. In einem anderen Haus ist kaum zu unterscheiden, ob es sich am heutigen Morgen um Ehestreit oder doch nur um einen laufenden Fernseher handelte. Das Fenster stand offen und ich bin mir bis jetzt nicht sicher. Aber die Dame von dort ist sehr nett, ich hoffe für sie, dass es nur der Fernseher war. Ein Junge spielt im Vorgarten, rennt am Zaun entlang. Sein Vater kommt, weist ihn zurecht: „Hey! Wenn du deine Jacke an den Zaun hängst, geht der Zaun kaputt!“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Und deine Jacke auch.“ Manchmal halten die Autos an und man fragt mich: „Haben Sie da-und-da schon eingeworfen?“ und ich sage „Nein, habe ich noch nicht.“ Dann nehmen die Fahrer schon mal ihre Zeitung entgegen und sind glücklich und ich bin es auch, weil es wieder ein Haus weniger ist, in dem ich das Gartentor öffnen, die Zeitung in den Briefkasten quetschen, rausgehen und das Gartentor wieder schließen muss. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Dumm nur, wenn die genannte Hausnummer in der genannten Straße nicht existiert und ich eine Zeit lang durch die Straße irre ehe ich kapituliere. Aber all das ist lustig, abwechslungsreich; erklärt, warum ich diesen Job so gerne mache. Nur eine Sache, die zerstört alles wieder. Eine Sache ist so abscheulich, dass ich manchmal doch überlege, den Stift zur Hand zu nehmen und die Kündigung zu schreiben. Es gibt eine Sache, die ich wirklich hasse. Ich hasse es, wenn sich – was nicht selten vorkommt – direkt vor mir die Tür öffnet, ein neuer haariger, schleimiger Typ vor mir steht und Sätze rauswürgt wie: „Freut mich SEHR, wenn ich Sie sehe.“ Zögern. „Und die Zeitung.“ Die die einseitige Unterhaltung mit einem Flachwitz beenden und sich besonders lustig fühlen aber erschrocken zusammenzucken, wenn die Frau aus dem Hintergrund ruft: „Wer ist denn da an der Tür?“ He, lasst die Zeitungsverteiler doch einfach Zeitungsverteiler sein und die paar Stunden in ihrer eigenen sonst so schönen Welt leben! In dem Sinne: Frohe Ostern!

5.4.15 20:01

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