Auf der Mauer, auf der Lauer

Ich war heute schon ziemlich spät dran mit dem Verteilen. Manchmal ist ausschlafen eben auch wichtig und Hauptsache, die Zeitung kommt überhaupt irgendwann an. Bevor ich den Job begonnen habe, hat mein Gebietsbetreuer genau das ebenfalls gesagt, schließlich hat keiner der Bewohner ein Anrecht auf die Zeitung. Und überhaupt, es ist ja nur Werbung, wie wahrscheinlich ist es denn, dass es tatsächlich Leute gibt, die wie verrückt auf ihre Zeitung warten? Wahrscheinlicher, als man denkt. Im kleinen Gebiet stand heute jemand hinter einem Holztor, das an die Hauswand angrenzt. Ich kenne das Haus schon von meiner Zeit vor zwei Jahren als ich hier ausgetragen habe. Damals habe ich genau von dieser Adresse eine Beschwerde bekommen weil man dort keine Zeitung erhalten hat. Die wohl einzig wirklich korrekte Beschwerde die man mir je ausgeteilt hat, denn von vorne ist das Haus versiegelt, das Tor ist morsch, die Wand verdreckt, der Briefkasten ist halb zugeklebt und trägt kein Namensschild. Ich hatte damals angenommen, dort würde keiner leben. Na ja, falsch gedacht, und seitdem bin ich immer ganz besonders verantwortungsbewusst gewesen wenn ich dem Haus die Zeitung gebracht habe. Der Mann kommt mir etwas gruselig vor. Auch er sieht aus, als würde er dort nicht hingehören. Ich steige vom Fahrrad ab, kehre ihm den Rücken zu und ziehe eine Zeitung aus meinem Korb hervor. Es ist nicht ganz einfach, denn sie sind mit einem Gummi verschnürt, damit sie nicht herausgeweht werden. Dann gehe ich auf den Briefkasten zu, ohne den Mann zu beachten, und quetsche die Zeitung irgendwie an den Klebestreifen vorbei. Geschafft, nichts wie weg! Als ich wieder aufsteige, sehe ich den Mann doch kurz an. Endlich hat er sich bewegt, öffnet das Tor (ganz langsam!), nimmt die Zeitung und schließt das Tor hinter sich wieder. Dann bin ich weg. Hat er wirklich auf die Zeitung gewartet? Schließlich erreiche ich die letzte kleine Seitenstraße, in der ich einwerfen muss. Ich steige vom Fahrrad. Links von mir lehnt ein Mann am Gartenzaun und starrt mich an. Als ich eine Zeitung aus dem Korb nehme, kommt er auf mich zu. Er scheint wie viele andere denen ich so begegne die Zeitung entgegennehmen zu wollen. Doch ich tu ihm den Gefallen nicht sondern wende mich erstmal ans Haus zu meiner rechten. Dann nehme ich die zweite Zeitung aus dem Korb und gehe auf den Briefkasten zu. Doch der Mann kommt mir zuvor, geht erneut von seinem Platz am Gartenzaun auf mich zu und nimmt mir die Zeitung ab. Dann geht er zurück ins Haus. Hat der etwa auch auf mich gewartet? Oder stand der zufällig am Zaun? Ist ja gut, das nächste Mal stehe ich wieder früher auf, dann ist die Zeitung auch rechtzeitig da! Ich muss noch einmal am ersten Haus vorbei. Der Mann steht immernoch hinter dem Tor, oder wieder. Irgendwie gruselig. Und abends fahre ich noch zweimal dran vorbei, auch wenn meine Tour schon lange vorbei ist. Auch dann steht der Mann noch da. Hat etwa einer meiner Kollegen von einem anderen Blatt heute noch nicht verteilt oder woher weht der Wind? Geht mich ja auch nichts an. Aber manche Dinge sind einem einfach nicht geheuer.

19.10.14 18:55

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