Wenn die Füße Windmühlen spielen

Wie jedes Kind bin ich früher dem Drang der Comichefte im Supermarkt nicht entkommen. Dann stand ich vor den Regalen von Donald Duck & Co. die mindestens drei Mal so groß waren wie ich. Ich werde oft daran erinnert, wenn ich Kinder sehe, die jetzt genau in dem Alter sind und tief versunken sind in die „Lustigen Taschenbücher“, mitten in Entenhausen. Einiges ist mir daran immer ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel habe ich mich immer gefragt, ob Enten die Füße wirklich kreisförmig bewegen können, denn genauso sieht es aus, wenn Donald Duck wegrennt, „so schnell ihn seine Füße tragen“. Jahrelang ist es mir ein Rätsel geblieben. Solch Kleinkindfragen vergisst man niemals. Wenn auch nicht im Vordergrund stehend kommen sie doch noch das ein oder andere Mal hervor, wenn man durch irgendetwas daran erinnert wird. Und bin ohnehin jemand, der sich unsinnige Dinge merkt. Was andere Leute als „wichtig“ deklarieren, vergesse ich dafür schnell wieder. Aber nie bin ich auf die Idee gekommen, mir das Verhalten von Entenfüßen bei aufkommender Panik mal von Google erklären zu lassen. Heute aber, da ging es mir selbst so, als wäre ich eine Ente, und auch meine Füße verhielten sich so, absolut nicht gesteuert von mir selbst. Das war faszinierend, was ich aber versprechen kann! Eigentlich besteht mein noch-Verteilgebiet beinahe ausschließlich aus Bungalows. Ausgenommen ist da vielleicht das „hässlichste Haus des Dorfes“, das ich gemeinsam mit ein paar Freunden als ebenjenes gekrönt habe. (Es hat irgendwie kein Dach, ist braun, ein Neubaublock, sieht aus wie ein Legostein, hat keine Fenster auf der der Straße zugewandten Seite und ein Garten ist auch nicht drum rum, nur Pflaster. Da kann man doch nicht wohnen!) Und ein weiteres „anderes“ Haus gibt es noch. Vierstöckig zieht es sich schmutzig-grau und hässlich in die Höhe. Die Scheiben sehen aus wie 50 Jahre nicht geputzt und den Vorhängen dahinter geht es ähnlich. Ein Garten ist auch hier nicht vorhanden, dafür ein Parkplatz über den ich zwangsläufig gehen muss, wenn ich Zeitungen einwerfen will. Aber einen Vorteil hat das Haus, wenn auch sonst ich dort verständlicherweise nicht gern bin: Ich kann gleich ein Dutzend Zeitungen auf einmal loswerden! Da fühlt sich der Wagen doch mit einem Schwung gleich viel leichter an und ich habe ein Erfolgserlebnis. Heute gehe ich also wie jeden Samstag an diesem Haus vorbei. Ich habe den Parkplatz noch nicht ganz überquert, die Briefkästen nicht erreicht, da zucke ich zum ersten Mal erschrocken zusammen. Das Fenster steht querangelweit offen, die schmutzige Gardine weht im Wind. Ein Gestank wie aus einer Bärenhöhe weht mir entgegen und zu allem Übel beginnt ein Wecker im schrillen, schiefen Ton zu klingeln, der schon bald zu einem Hahnenschrei übergeht, was jedoch auch nicht besser ist. Ich beeile mich, die Zeitungen einzuwerfen. Doch bereits beim vierten Briefkasten höre ich Stimmen im Treppenhaus. Ein grummeliges Maulen, begleitet von einem Bellen. Nein, nein und nochmals nein! Zwar weiß ich nun, dass stumme Optimisten auch reden können, wenn sie es wollen (auch wenn es scheinbar nur im Haus möglich ist), aber ich bin ganz und gar nicht erpicht auf eine tatsächliche Begegnung. Also nehme ich die Beine in die Hand und renne und während ich das tue, bilden meine Füße Kreise, wie Windmühlen, oder wie Ventilatoren. Ist ja auch bitter nötig!

11.10.14 22:20

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