Der Tote vom Carport

Es gibt auch Tage, die vergehen ganz normal. Na ja, was heißt normal, aber ohne ungewöhnliche Vorkommnisse. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Stelle wenn man dann doch auf etwas stößt, womit man nicht rechnet. Das fängt schon damit an, dass die Leute ihre Wäsche im Carport aufhängen. Das hat dann meistens zur Folge, dass alle vorbeikommenden Menschen in jenen hineingucken können und auch den Fehler machen und es auch tun und daraufhin einen von Ekel ausgelösten Schüttelanfall bekommen. Natürlich sind auf dem Dorf bei weitem weniger Leute unterwegs als in der Stadt. Das Vertrauen wird ständig bewiesen durch Gärten ohne Hecken oder Begrenzung (man könnte die kleinen Gartenzwerge, die überall verteilt stehen, also theoretisch ohne weiteres mitnehmen) oder teure Flachbildfernseher, die bei geöffneter Tür ohne Besitzer weit und breit vor sich hin laufen. Das hat auch seine Vorteile, in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft wusste ich so immer, wie es steht! Nun, jedenfalls wissen wir jetzt alle Bescheid: In jenem Haus hängt regelmäßig rosa Unterwäsche mit Schleifchen und drüben sind kleine Herzchen aufgestickt, auch auf den Boxershorts. Eigentlich eine schöne Vorstellung, dass die heile Welt doch noch vorhanden ist. Es scheint ja ein sehr frisch verliebtes Paar zu sein, das dort wohnt. Aber ist es nicht etwas früh, sich gleich ein gemeinsames Haus zu nehmen wenn man sich gerade kennen gelernt hat und noch alles so frisch ist, dass Herzchen hier, Herzchen dort zu finden sind? Man tut es unfreiwillig. Man will am liebsten mit geschlossenen Augen an den Carports vorbei gehen, aber das funktioniert einfach nicht. Man hat dann einfach zu große Angst, genau reinzulaufen, weil man nicht sieht, wo man hingeht. Und soll man die ganze Runde mit geschlossenen Augen machen?! Nee, geht nicht. Der Weg von Briefkasten zu Briefkasten ist eben noch nicht völlig einprogrammiert. Ich werfe also hinter jeder Ecke einen vorsichtigen Blick in die Autostellplätze um zu wissen, was mich erwartet. Aber es sind meist die gleichen Haushalte, die scheinbar so begrenzten Raum haben, dass sie anderswo ihre Wäsche aufhängen müssen als im Garten. Ich gelange ans – in meiner Erinnerung – letzte Haus mit unangenehmem Schmuck. Ich werfe die Zeitung ein und atme erstmal erleichtert auf. Zu spät. Ich verschlucke mich an der Freudenluft und mir bleibt einen Moment das Herz stehen. Dort… Ich halte mir die Hand vor den Mund um nicht laut aufzuschreien. Im Carport gegenüber, dort, wo immer das Kajak hängt, da hängt diesmal was anderes und es sieht aus wie ein großer Körper mit Seil… Die Sonne kommt von vorne. Ich habe keine Sonnenbrille, ich werde leicht geblendet, aber nein, ich kann mich nicht täuschen. Kann es einfach nicht. „Was zur“, entfährt es mir als ich die Hand wieder runter nehme. Und einige böse Wörter die halt so hervorsprudeln wenn man zu Tode erschrocken ist, praktisch im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwann fasse ich mich wieder. Neben mir steht ein stummer Optimist und versteht meine Aufregung nicht. Sein Liebling macht gerade an einen Gartenzwerg und er lächelt wissend. Vorher wusste ich gar nicht, dass diese Leute überhaupt Emotionen zeigen können. Der Mann und sein Hund haben mich einen Moment abgelenkt, aber jetzt sehe ich wieder genau hin. Die Sonne ist hinter einer Wolke verschwunden und als ich den vermeintlichen Toten anblicke, stelle ich fest, dass es ein Taucheranzug ist, der dort wahrscheinlich vom letzten Hobbytauchgang zurückgelassen wurde. Natürlich, wie konnte es denn anders sein? In einem so friedlichen Ort würde sich doch keiner aufhängen. Neeeeein, hier doch nicht. Als ich mich umdrehe, ist der stumme Optimist verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ist mir ganz recht so, sie sind schlimm, allesamt. Soll er mal den Rest des Dorfes unsicher machen. Ich muss etwas über mich selbst lachen. Ein ganz kleines bisschen. Wie naiv.

16.8.14 17:20

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9||05T / Website (16.8.14 18:39)







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