Papierboote

Der Regen prasselt auf mich ein. Regen? Bindfäden! Dem Gott seine Nähmaschine scheint wohl auseinander gefallen zu sein. Innerhalb kürzester Zeit bin ich nass von Kopf bis Fuß, unter die Haut, bis auf die Knochen. Wie man’s auch sagt, nässer geht nicht. Der Wolkenbruch ging schon früh los. Die Analyse des Wetterberichts hat mich jedoch einigermaßen erfreut feststellen lassen, dass ein früheres oder späteres Aufbrechen zu meiner wöchentlichen Runde auch keinen Unterschied erbracht hätte. Regen, Regen, immer nur Regen. Ein wenig schadenfroh bin ich aber schon, als ich den Startpunkt meiner Route erreiche und feststelle, dass nichts menschenerdenkliches reichen würde, um die Zeitungen trocken in die Briefkästen gelangen zu lassen. Nun gut, dann ist das eben mal so. Natürlich könnte ich auch einfach morgen gehen, aber eigentlich ist am Sonntag ja Verteilverbot. Und da ich ohnehin schon nass bin… Ich stecke mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und lausche stillschweigend der Musik. Zumindest versuche ich es, doch der Regen übertönt jegliche Ablenkungsversuche. Nun gut, dann eben nicht. Ich ziehe die Kopfhörer wieder heraus, verstaue sie in meiner Tasche und bete, dass sie dem Regen trotzen, bis ich meine Runde beendet habe. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Es ist bereits nach zehn, also sollte sich meine Stimmung doch so langsam wieder aufhellen. Schließlich muss ich nicht mal mit irgendjemandem reden, denn bei dem Sauwetter gehen nicht einmal die Gartenzwerge vor die Tür. Schließlich ist aber doch ein Ende in Sicht. Es können keine fünfzig Häuser mehr sein. Der Stapel Zeitungen hat sich endlich geleert. Wie, das weiß ich auch nicht so genau, aber irgendwie ist es passiert, vielleicht hat sich jemand welche geangelt, ohne, dass ich es mitbekommen habe? Aber ob es zu viele sind oder ob sie reichen werden, das weiß ich trotzdem noch nicht. Es wird nie die gleiche Anzahl geliefert und ich habe das Gefühl, die Häuser entscheiden von Woche zu Woche willkürlich, ob sie sich ein Werbeverbotsschild an den Briefkasten hängen oder nicht. An diesem Teil meiner Route geht es bergab. Die Gullys des Dorfes sind heillos überfordert und so fließt ein kleiner Wildbach die Straße hinab, wo sich das Wasser wie ein Stausee sammelt. Ich sehe meine Chance, den Tag doch noch einigermaßen zu retten, angle mir eine handvoll Zeitungen, setze mich auf den Boden (nasser hätte ich wie schon gesagt ohnehin nicht mehr werden können) und fange an, kleine Papierschiffe zu falten und sie den Bach hinunter fahren zu lassen. Ich klatsche Beifall als sie den Stausee erreichen. Wider Erwarten wird die Titanic erste. Ich beginne zu jubeln wie ein kleines Kind, albern vielleicht, aber diese kleine Geste hat mir in der Tat den Tag gerettet! Am Abend klingelt es an der Tür. Ich erahne nicht, wer draußen steht. Aber ich tippe innerlich, ganz tief, auf meinen Gebietsleiter. Er ist schon viel zu lange nicht mehr da gewesen. Und vielleicht hat er ja meine Zeitungen gefunden und will jetzt erstmal richtig Dampf machen, mich kündigen, die Boote einsammeln lassen oder whatever? Schließlich hat er mich ja zu Beginn meines Jobs darauf hingewiesen, wenn ich die Zeitungen irgendwo versenken würde statt sie zu verteilen würde sie schon irgendjemand finden und das melden. Scheint also schon mal vorgekommen zu sein. Puuh, denke ich schließlich, und atme erleichtert auf. Es ist nicht mein Gebietsbetreuer. Diesmal bin ich also noch mal davongekommen bzw. wohl eher davongeschwommen!

10.8.14 00:36

Letzte Einträge: Ein paar Stunden Zeit

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen