Partyzeit und ein Haufen Überraschungen

Genau wie gestern bin ich in der letzten Woche sehr spät abends unterwegs gewesen. Nun, so spät ist es eigentlich gar nicht gewesen, aber es kam mir so vor, weil die Sonne jetzt im Spätsommer schon so früh untergeht. Bald ist Herbst und das sind nun die ersten Vorboten davon. Als ich im kleinen Gebiet in eine Gasse einbog, kam mir jemand entgegen. Ein Mann, wie ich später erkannte. Er kam aus seinem Carport in dem ich ihn schon in meiner Verteilerzeit vor zwei Jahren Wochenende für Wochenende Holz hacken gesehen habe. Gehacktes Holz liegt dort jetzt immernoch, aber den Mann habe ich nie wieder gesehen und auch das Geräusch der Axt hat mich seitdem nie wieder in meine Träume verfolgt. Okay, gelogen. Geträumt habe ich nie davon, das ist nur so schön Horrortraum-Klischee. Ich überreichte ihm feierlich die Zeitung. Er schien etwas müde. Kein Wunder, der ganze Schlafrhythmus geht ja durcheinander, wenn es auf einmal so früh dunkel ist! Aber ohne, dass ich gefragt habe, erklärte er mir auch, warum er so müde sei. Gefeiert habe er gestern, noch ganz lange. Er habe die Nacht durchgemacht. Wollte ich das wissen, wollte ich das? Gestern, also genau eine Woche später, hing in seinem Carport ein groooooooßes Plakat: „Wir sagen Ja!“ Uuuuh, war das die Verlobung vor einer Woche und jetzt wurde eine Blitz-Hochzeit organisiert? Ich bin ja schon an diverse Geburtstagsgemeinschaften vorbeigekommen (an einer übrigens auch gerade gestern, die Leute begrüßten mich mit „Oooooooh, Werbung!“) aber jetzt scheint meine Karriere einen neuen Höhepunkt zu erreichen. Wenn nächste Woche die Hochzeit ansteht neben den aufgestapelten Holzscheiten und dem Holzblock, indem immer die Axt steckt, dann wird das definitiv ein Erlebnis! Aber leider stand kein Datum auf dem Plakat. Vermutlich werde ich das große Spektakel also verpassen. Man kann ja nicht immer am Freitag unterwegs sein. Und nochetwas ist gestern passiert. Auch im kleinen Gebiet. Etwas, das ich der Welt auf keinen Fall vorenthalten darf. Ich bin immer für Überraschungen gut. Zumindest, wenn es ganz geplant welche sein sollen, positive Überraschungen, oder welche, die mir zumindest nicht schaden und wenigstens ein paar der betroffenen Leute bespaßen. Überraschung kommt von überrascht sein oder überraschen. Ich wurde überrascht, gestern, als ich eine der letzten Straßen belieferte. Abends. Noch sei ja nicht Nachtruhe, dachte ich. DACHTE ICH. Auf meinem MP3-Player spielte „The final countdown“ und wie man bei diesem Lied wohl nicht anders kann, pfiff ich fröhlich mit. Eigentlich kam es mir allerdings gar nicht so laut vor. Dann jedoch wurde ich von einer Stimme unterbrochen, die aus der Hecke zu meiner Rechten zu kommen schien, oder von hinter der Ecke, so genau ließ es sich nicht sagen. „Sophie! Oder wer auch immer da ist! SEI! LEISE!!!“ Nee, also, Sophie, so heiße ich nicht. Aber hier in diesem Ort, da kennen mich auch nur wenige Leute. Gesprochen hatte ein circa neunjähriges Mädchen. Ich sah es, als ich durch die Hecke spähte. Es sah mich an. Mit großen Augen. Und schien wie ich etwas erschrocken, doch vermutlich aus dem einfachen Grund, dass sie jemand anderen erwartet hatte. Jemanden mit dem Namen Sophie. Wahrscheinlich eine Sophie, die in dem Zelt schlafen sollte, das dort aufgebaut stand. Kopfschüttelnd setzte ich meinen Weg fort. Ich hatte das Mädchen fast schon wieder vergessen. So ist das manchmal, beim Verteilen wird der Kopf leer und man kann einfach mal richtig abschalten. Keine sinnlosen Gedanken an bevorstehende Tests und Klausuren in der Schule. Dann kam die letzte Straße. Die letzte für gestern jedenfalls, die letzte im kleinen Gebiet. Mein Fahrradständer wollte das Fahrrad nicht tragen. Vermutlich war es nur eine unebene Stelle im Boden, doch ich dachte auch darüber nicht länger nach sondern lehnte das Rad an einen Gartenzaun, solange ich kurz zum Briefkasten wollte um die Zeitung einzuwerfen. Ein Fehler. Ein ganz, ganz großer Fehler. Denn ich übersah das Schild „Vorsicht, frisch gestrichen!“ Zum Glück sah man dem Zaun nichts an, doch mein Fahrrad bekam den ein oder anderen Streifen ab. Nun ist es von einem Zebra nicht mehr zu unterscheiden. Tarnung geglückt, würde ich mal sagen.

30.8.14 23:23, kommentieren

Erläuterungen

In der letzten Zeit wurde ich schon wiederholt gefragt, warum ich Woche für Woche der in diesem Blog beschriebenen Tätigkeit nachgehen würde. Geld verdienen kann man nämlich auch in meinem Alter durchaus auch auf andere Wege. Im Allgemeinen wird der Job nämlich als wenig attraktiv und unterbezahlt eingeschätzt. Ich möchte diese Fragen und Zweifel an dieser Stelle gerne aus dem Weg räumen: 1. Ich genieße die Zeit, einfach mal für mich zu sein und dadurch abschalten zu können. 2. Natürlich werde ich oft angequatscht und bin von einigen Leuten dabei echt genervt. Aber wenn ich zurück komme, dann bin ich es nicht mehr sondern kann drüber lachen. Das scheint hier vielleicht nicht so, aber die meisten Einträge schreibe ich bereits während ich unterwegs bin oder versuche mich in die Stimmung hineinzuversetzen die ich hatten wenn ich erst schreibe wenn ich schon wieder zurück bin. 3. Für nichts auf der Welt würde ich die Erfahrungen austauschen wollen, die ich mache, wenn ich unterwegs bin. 4. So blöd es klingen mag, man lernt eine Menge über die Leute, die der nahe Umgebung wohnen aber die man doch nicht kennt weil man sich in völlig anderen Kreisen bewegt. 5. Es ist gar nicht so unterbezahlt wie jeder denkt, das kommt absolut drauf an. Also auf die Zeitung, die man hat, auf die zusätzliche Werbung, das Gebiet und darauf, wie oft man verteilt. Ich habe bei allem irgendwie das größte Glück gehabt das man so haben kann. Aus diesen Gründen habe ich in der nächsten Zeit definitiv nicht vor, aufzuhören, selbst, wenn die Leute alle noch so komisch sind, denen ich so begegne. Gut, ich hoffe mal, damit ist einiges klarer und mein Blog an sich an einigen Stellen vielleicht verständlicher. Ein schönes Wochenende allen!

29.8.14 21:41, kommentieren

How it feels to be famous

Wenn man an berühmte Leute denkt, kommen einem als erstes Schauspieler oder Sänger wie Johnny Depp oder Rihanna in den Sinn. Berühmt sein, was heißt denn das? Für gewöhnlich, die Titelseiten sämtlicher Klatschblätter schmücken oder Nachrichtenthema Nummer eins werden wenn man nachwuchs bekommt. Man kann nicht einkaufen gehen ohne von allen Seiten um Autogramme gebeten zu werden. Aber vermutlich geht man ohnehin nicht mehr selbst einkaufen wenn man Rihanna heißt, oder Lady Gaga. Und selbst Autofahren muss man auch nicht mehr. Dafür hat man ja einen Chauffeur. Mein Mister X hat keinen Chauffeur. Sein Auto, einen schwarzen VW wie ihn der Durchschnittsdeutsche vielleicht fährt, den muss es selber bedienen. Ich kenne seinen Namen nicht, aber er scheint sich selbst für eine ziemliche Berühmtheit zu halten. Mir ist er nie aufgefallen. Nicht, bis heute Morgen. Ich bestückte die Tannenallee. Das ist die längste Straße innerhalb meines Samstagsgebietes. Die eine Seite hat nur ein paar einzelne Häuser, dafür jedoch drei Nebenstraßen. Die kommen später dran, erst die eine Straßenseite. Hier stehen Reihenhäuser. Bei einem davon werde ich wöchentlich um sieben immer angeschnauzt, dass ich das Gartentor offen stehen lasse. Ja, ich vergesse tatsächlich immer, es zu schließen. Und ich vergesse, dass dort so oft jemand am Fenster hängt der darauf zu warten scheint, dass ich es wieder mal vergesse. Soll er doch lieber mal ausschlafen, der Gute. Mister X fährt vor. Er hält an. Ist das wieder mal jemand, der mich nach dem Weg fragen will aber den ich leider Gottes in die Irre schicken muss, weil ich es selbst nicht weiß? Nein, sieht nicht so aus, das Kennzeichen ist örtlich. Die Scheibe wird heruntergekurbelt. Als doch. „Kann ich jetzt schon eine Zeitung haben?“, fragt er. „Dann müssen Sie nachher nicht mehr einwerfen.“ Ich starre ihn mit großen Augen an. Wo genau soll ich dann also nicht mehr einwerfen? Aber ich weiß, dass gezieltes Nachfragen die Sache nur komplizierter gemacht hätte. Also gebe ich ihm eine Zeitung und er rauscht von dannen. Das war er also. Mein Mister X. Der von sich glaubt, so fame zu sein, dass jeder weiß, wo er wohnt. Der Zeitungsverteilerin eingeschlossen, die jedoch eigentlich aus dem Nachbarort kommt und hier dementsprechend keinen kennt. Das schien ihm egal zu sein. Wer fame ist, der ist eben fame. Dann hat er seine Zeitung jetzt eben zwei Mal, einmal gleich im Auto und beim anderen Mal im Briefkasten. Durch die Tatsache, dass sein Auto von jedem zweiten gefahren wird, hätte ich sein Haus ja nicht einmal daran erkennen können. Deshalb fahren berühmte Leute also immer in Limousinen und nicht in Durchschnittsautos!

23.8.14 13:26, kommentieren

Der Tote vom Carport

Es gibt auch Tage, die vergehen ganz normal. Na ja, was heißt normal, aber ohne ungewöhnliche Vorkommnisse. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Stelle wenn man dann doch auf etwas stößt, womit man nicht rechnet. Das fängt schon damit an, dass die Leute ihre Wäsche im Carport aufhängen. Das hat dann meistens zur Folge, dass alle vorbeikommenden Menschen in jenen hineingucken können und auch den Fehler machen und es auch tun und daraufhin einen von Ekel ausgelösten Schüttelanfall bekommen. Natürlich sind auf dem Dorf bei weitem weniger Leute unterwegs als in der Stadt. Das Vertrauen wird ständig bewiesen durch Gärten ohne Hecken oder Begrenzung (man könnte die kleinen Gartenzwerge, die überall verteilt stehen, also theoretisch ohne weiteres mitnehmen) oder teure Flachbildfernseher, die bei geöffneter Tür ohne Besitzer weit und breit vor sich hin laufen. Das hat auch seine Vorteile, in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft wusste ich so immer, wie es steht! Nun, jedenfalls wissen wir jetzt alle Bescheid: In jenem Haus hängt regelmäßig rosa Unterwäsche mit Schleifchen und drüben sind kleine Herzchen aufgestickt, auch auf den Boxershorts. Eigentlich eine schöne Vorstellung, dass die heile Welt doch noch vorhanden ist. Es scheint ja ein sehr frisch verliebtes Paar zu sein, das dort wohnt. Aber ist es nicht etwas früh, sich gleich ein gemeinsames Haus zu nehmen wenn man sich gerade kennen gelernt hat und noch alles so frisch ist, dass Herzchen hier, Herzchen dort zu finden sind? Man tut es unfreiwillig. Man will am liebsten mit geschlossenen Augen an den Carports vorbei gehen, aber das funktioniert einfach nicht. Man hat dann einfach zu große Angst, genau reinzulaufen, weil man nicht sieht, wo man hingeht. Und soll man die ganze Runde mit geschlossenen Augen machen?! Nee, geht nicht. Der Weg von Briefkasten zu Briefkasten ist eben noch nicht völlig einprogrammiert. Ich werfe also hinter jeder Ecke einen vorsichtigen Blick in die Autostellplätze um zu wissen, was mich erwartet. Aber es sind meist die gleichen Haushalte, die scheinbar so begrenzten Raum haben, dass sie anderswo ihre Wäsche aufhängen müssen als im Garten. Ich gelange ans – in meiner Erinnerung – letzte Haus mit unangenehmem Schmuck. Ich werfe die Zeitung ein und atme erstmal erleichtert auf. Zu spät. Ich verschlucke mich an der Freudenluft und mir bleibt einen Moment das Herz stehen. Dort… Ich halte mir die Hand vor den Mund um nicht laut aufzuschreien. Im Carport gegenüber, dort, wo immer das Kajak hängt, da hängt diesmal was anderes und es sieht aus wie ein großer Körper mit Seil… Die Sonne kommt von vorne. Ich habe keine Sonnenbrille, ich werde leicht geblendet, aber nein, ich kann mich nicht täuschen. Kann es einfach nicht. „Was zur“, entfährt es mir als ich die Hand wieder runter nehme. Und einige böse Wörter die halt so hervorsprudeln wenn man zu Tode erschrocken ist, praktisch im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwann fasse ich mich wieder. Neben mir steht ein stummer Optimist und versteht meine Aufregung nicht. Sein Liebling macht gerade an einen Gartenzwerg und er lächelt wissend. Vorher wusste ich gar nicht, dass diese Leute überhaupt Emotionen zeigen können. Der Mann und sein Hund haben mich einen Moment abgelenkt, aber jetzt sehe ich wieder genau hin. Die Sonne ist hinter einer Wolke verschwunden und als ich den vermeintlichen Toten anblicke, stelle ich fest, dass es ein Taucheranzug ist, der dort wahrscheinlich vom letzten Hobbytauchgang zurückgelassen wurde. Natürlich, wie konnte es denn anders sein? In einem so friedlichen Ort würde sich doch keiner aufhängen. Neeeeein, hier doch nicht. Als ich mich umdrehe, ist der stumme Optimist verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ist mir ganz recht so, sie sind schlimm, allesamt. Soll er mal den Rest des Dorfes unsicher machen. Ich muss etwas über mich selbst lachen. Ein ganz kleines bisschen. Wie naiv.

2 Kommentare 16.8.14 17:20, kommentieren

Papierboote

Der Regen prasselt auf mich ein. Regen? Bindfäden! Dem Gott seine Nähmaschine scheint wohl auseinander gefallen zu sein. Innerhalb kürzester Zeit bin ich nass von Kopf bis Fuß, unter die Haut, bis auf die Knochen. Wie man’s auch sagt, nässer geht nicht. Der Wolkenbruch ging schon früh los. Die Analyse des Wetterberichts hat mich jedoch einigermaßen erfreut feststellen lassen, dass ein früheres oder späteres Aufbrechen zu meiner wöchentlichen Runde auch keinen Unterschied erbracht hätte. Regen, Regen, immer nur Regen. Ein wenig schadenfroh bin ich aber schon, als ich den Startpunkt meiner Route erreiche und feststelle, dass nichts menschenerdenkliches reichen würde, um die Zeitungen trocken in die Briefkästen gelangen zu lassen. Nun gut, dann ist das eben mal so. Natürlich könnte ich auch einfach morgen gehen, aber eigentlich ist am Sonntag ja Verteilverbot. Und da ich ohnehin schon nass bin… Ich stecke mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und lausche stillschweigend der Musik. Zumindest versuche ich es, doch der Regen übertönt jegliche Ablenkungsversuche. Nun gut, dann eben nicht. Ich ziehe die Kopfhörer wieder heraus, verstaue sie in meiner Tasche und bete, dass sie dem Regen trotzen, bis ich meine Runde beendet habe. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist. Es ist bereits nach zehn, also sollte sich meine Stimmung doch so langsam wieder aufhellen. Schließlich muss ich nicht mal mit irgendjemandem reden, denn bei dem Sauwetter gehen nicht einmal die Gartenzwerge vor die Tür. Schließlich ist aber doch ein Ende in Sicht. Es können keine fünfzig Häuser mehr sein. Der Stapel Zeitungen hat sich endlich geleert. Wie, das weiß ich auch nicht so genau, aber irgendwie ist es passiert, vielleicht hat sich jemand welche geangelt, ohne, dass ich es mitbekommen habe? Aber ob es zu viele sind oder ob sie reichen werden, das weiß ich trotzdem noch nicht. Es wird nie die gleiche Anzahl geliefert und ich habe das Gefühl, die Häuser entscheiden von Woche zu Woche willkürlich, ob sie sich ein Werbeverbotsschild an den Briefkasten hängen oder nicht. An diesem Teil meiner Route geht es bergab. Die Gullys des Dorfes sind heillos überfordert und so fließt ein kleiner Wildbach die Straße hinab, wo sich das Wasser wie ein Stausee sammelt. Ich sehe meine Chance, den Tag doch noch einigermaßen zu retten, angle mir eine handvoll Zeitungen, setze mich auf den Boden (nasser hätte ich wie schon gesagt ohnehin nicht mehr werden können) und fange an, kleine Papierschiffe zu falten und sie den Bach hinunter fahren zu lassen. Ich klatsche Beifall als sie den Stausee erreichen. Wider Erwarten wird die Titanic erste. Ich beginne zu jubeln wie ein kleines Kind, albern vielleicht, aber diese kleine Geste hat mir in der Tat den Tag gerettet! Am Abend klingelt es an der Tür. Ich erahne nicht, wer draußen steht. Aber ich tippe innerlich, ganz tief, auf meinen Gebietsleiter. Er ist schon viel zu lange nicht mehr da gewesen. Und vielleicht hat er ja meine Zeitungen gefunden und will jetzt erstmal richtig Dampf machen, mich kündigen, die Boote einsammeln lassen oder whatever? Schließlich hat er mich ja zu Beginn meines Jobs darauf hingewiesen, wenn ich die Zeitungen irgendwo versenken würde statt sie zu verteilen würde sie schon irgendjemand finden und das melden. Scheint also schon mal vorgekommen zu sein. Puuh, denke ich schließlich, und atme erleichtert auf. Es ist nicht mein Gebietsbetreuer. Diesmal bin ich also noch mal davongekommen bzw. wohl eher davongeschwommen!

10.8.14 00:36, kommentieren

Warum man über jeden und alles bescheid weiß

Als ich zur Welt gekommen bin, hat Gott mir eine besonders gute Nase gegen. Ich weiß nicht, ob es Fluch oder Segen ist. In Klausuren in der Schule ist es Fluch. Ich weiß dadurch manchmal mehr über die Leute, die am anderen Ende des Raumes schreiben, als mir lieb ist (Konkretisierung überflüssig!) In den Chemiestunden ist es auch Fluch. Zwar habe ich das Glück, ganz hinten zu sitzen, aber meine Nase verwehrt mir nicht den Geruch der auf dem Tisch aufgestellten Fläschchen. Ich find’s unangenehm, denn ich bin auch keine von den Leuten, die findet, dass Tankstelle gut riecht, mich kann man damit jagen. Es ist ein Segen wenn meine Nachbarn den Rasen mähen, was ich, wenn ich es nicht gerade höre (was aber natürlich immer der Fall ist) auch rieche, und das macht die unangenehme Lärmsituation meistens noch ein bisschen angenehmer. Es ist auch ein Segen, wenn ich durchs Land streife und die wunderschönen Wüchse auf den Feldern schnuppern kann (es sei denn, die Mähdrescher sind am Werkeln, so wie heute…) Aber wenn ich meine allwöchentlichen Samstagsrunden mache, dann ist es sowohl als auch. Natürlich kommt es sehr auf die Uhrzeit an, zu der ich losziehe. Wenn sich mal wieder das ganze Dorf dazu entscheidet, gleichzeitig zu grillen und ich von Haus zu Haus gehe, dann hat der Geruch schon irgendwie Stil. Aber manchmal entscheidet sich das gesamte Dorf auch für Fisch, dann ist meine Runde für gewöhnlich besonders schnell vorbei. Denn auch damit kann man mich jagen. Wenn jemand während meines Ganges duscht, kann ich sagen, was für ein Shampoo er benutzt (na ja, die Marken kann ich leider noch nicht auswendig, aber ich bin mir sicher, auch das wir noch kommen). Der Geruchssinn ist noch in einem weiteren Punkt Fluch und Segen zugleich. Oft bin ich vorgewarnt, wenn stumme Optimisten auf mich zu kommen, denn einiges am Hintern ihrer Lieblinge bleibt scheinbar haften und die Gerüche verteilen sich wie eine Flutwelle über das gesamte Dorf. Da wundert es mich doch manchmal, dass nicht alle Leute ihre Fenster zuknallen. Aber den meisten geht es ja gar nicht so wie mir. Wenn die stummen Optimisten sich jedoch herangepirscht haben ohne, dass ich sie vorher bemerkt habe und ihre Lieblinge erst dann ihr Geschäft machen, dann ist der nächste Teilabschnitt meiner Runde ebenfalls ungewöhnlich schnell beendet. Ich werde dann wieder langsamer, bis zu dem Punkt, wo ich den nächsten stummen Optimisten in der Ferne ausmache. Dann renne ich wieder.

3.8.14 20:27, kommentieren

Angelurlaub

Natürlich ist aber nicht alles so negativ wie manch erster Eindruck scheint. Denn während meiner heutigen Tour habe ich durchaus amüsierende Dinge erlebt. Dinge, die einem eigentlich niemand glaubt, wenn er nicht dabei gewesen ist. Aber die die doch geschehen sind und die ich der Welt wieder einmal nicht vorenthalten kann. „Hallo“, sagt hinter mir jemand. Ich drehe mich um. „Ich würde gerne schon eine Zeitung haben. Lieselotte und ich (er nickt einer Frau zu, die circa dreißig Meter von uns entfernt an ein Auto gelehnt steht und ungeduldig auf den Boden klopft, ich nehme an, dass es sich dabei um seine Ehefrau handelt) wollen nämlich in den Urlaub fahren.“ Ah ja, denke ich innerlich. Wieder einmal beginnt jemand damit, mir seine halbe Lebensgeschichte zu erzählen. Das kommt öfter vor. TEILWEISE ist es aber echt interessant! „Ans Steinhuder Meer wollen wir fahren“, fährt der Mann fort. Ich rufe mir in Erinnerung, wo und was das überhaupt war. Handelt es sich dabei nicht um den Tümpel bei Hannover? Wenn man das Meer ganz in der Nähe hat, fährt man doch nicht freiwillig DAHIN! „Wir wollen dort angeln, Heringe am besten. Uns vielleicht sind da auch noch ein paar andere Fische, ich hoffe es. Lieselotte macht nämlich ihren Angelschein. Oh, sie wird noch viel von mir lernen können…“ Er schweigt und starrt gedankenverloren in die Ferne. Ich fange Lieselottes Blick auf und grinse schief, doch sie sieht überhaupt nicht fröhlich aus. „Hans-Peter!“, ruft sie schließlich. „Kommst du ENDLICH? Wir wollen los!“ Der gute Mann fängt sich wieder. „Also, 20 B müssen Sie nicht einwerfen“, sagt er abschließend, nimmt die Zeitung und trottet von dannen. Ich starre ihm hinterher. Hans-Peter… Während er zu Lieselotte ins Auto steigt, stelle ich fest, dass er mit seinem Hawaii-Hemd, der Kette und der kleinen runden Sonnenbrille anderswo sicherlich besser hingepasst hätte. Steinhuder Meer… Ich kann’s immernoch nicht fassen. Ich frage mich, ob er die Zeitung zur Abwechslung braucht während Lieselotte angelt oder ob er einen vollgestopften Briefkasten vermeiden will. Wahrscheinlich Zweiteres, schließlich hat er ja bereits damit geprahlt, seiner Frau beim Angeln helfen zu können. Gegenüber steht ein stummer Optimist und bei meiner Eile, so schnell wie möglich von ihm wegzukommen, vergessen ich Hans-Peter und Lieselotte kurzzeitig wieder und denke mir, als ich am Briefkasten ankomme, nur: Oh, super, endlich mal einer, der noch nicht vollgestopft ist!

26.7.14 22:13, kommentieren

Was so blieb und was sich verändert hat

Ich habe heute das erste Mal im kleineren der beiden neuen Gebiete verteilt. Hier bin ich vor zwei Jahren schon mal gewesen und habe eine andere Zeitung verteilt, bis ich nicht mehr hobbylos war, Fun in anderen Dingen gefunden habe und damit aufgehört habe. Na ja, jetzt mache ich es wieder. Warum auch immer, die Gründe sind wohl sehr vielfältig. Teilweise scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das fängt an bei der mir wohlbekannten Nörglerfamilie, die sich einfach IMMER beschwert hat. Ich habe damals irgendwann aufgehört zu zählen. Ob sie nun ihre Zeitung bekommen hat oder nicht, ich habe stets ein blaues Briefchen bekommen. Ich kann nur hoffen, dass das jetzt anders sind und die Bewohner des Hauses sich des Beschwerens leid sind. Geblieben ist das Haus mit der Motorsäge. Es ist mir ein Mysterium, warum dort wirklich immer, wenn ich daran vorbei gehe, das elend nervtötende Geräusch da ist. Der kläffende Hund ist auch geblieben, der immer dann die gläserne Tür anspringt, wenn man die Zeitung gerade versenkt hat und sich wieder von dannen machen will. In jenem kleinen Gebiet gibt es zwar keine stummen Optimisten, dafür jedoch zuhauf deren Lieblinge. Sie scheinen aber wahrlich zu selten raus zu kommen, denn sie springen am Gartenzaun hoch wenn man daran vorbei gehen will. Das Gefühl, wie ein Schwerverbrecher die Flucht anzutreten nachdem man in einem der kleineren Wege die Zeitung eingeworfen hat und kurz darauf von einem Köter angekläfft wird, ist nämlich auch geblieben. Auch das halb abgekratze Schild „Reklame verboten“ an einem der Briefkästen ist geblieben. Und ich weiß immer noch nicht, ob ich da jetzt meine Werbung einwerfen soll oder nicht. Vielleicht mache ich es immer abwechselnd, mal werfe ich sie ein und mal nicht… Denn übrig bleiben tun immer genügend. Vielleicht ist es sogar so gedacht…? Was sich verändert hat, das ist das Schild an einem der Häuser. Oder viel mehr das Fehlen dieses Schildes. Das Fehlen des Schildes mit der Aufschrift „Vorsicht, bissiger Hund!“ Ich fragte mich, ob es den Hund nicht mehr gibt oder ob er einfach nicht mehr bissig ist. Aber Sekunden später ist mir klar geworden, dass man von beidem nicht reden kann. Es gibt einen neuen Hund. Und wahrscheinlich ist der nun nicht mehr bissig. Ich wollte mich gerade wieder auf den Weg nach Hause machen, da hielt ein Auto am Straßenrand und ein nicht mehr ganz junger Mann mit seinem sehr, sehr, sehr, sehr sächsischem Dialekt wollte Städteauskunft von mir haben. Ich brauchte schon eine Weile, um überhaupt zu VERSTEHEN, was er von mir wollte. Und ich bewies, welch schlechtes Orientierungsvermögen ich habe. Denn ich schickte den armen versehentlich in die völlig falsche Richtung… Obwohl ich es hätte besser wissen müssen, da ich nicht selten in ebenjener Kleinstadt bin, in die er wollte. Hoffentlich kommt er trotzdem an. Immerhin bin ich auch nicht schadenfroh sondern habe ein schlechtes Gewissen. Vielleicht spricht wenigstens das für mich… Herzlich willkommen also auf meinem Blog! Das Werken eines Zeitungsverteilers ist nicht uninteressant und ich halte es für verantwortungslos, der Welt so viel davon vorzuenthalten. Zur Erklärung: Ich verteile einmal wöchentlich (immer samstags) eine Werbezeitschrift in einem kleineren und einem größeren Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Seit zwei Wochen habe ich diese Gebiete nun schon, zuvor verteilte ich mehrere Monate in der anderen Hälfte des großen Gebietes und einem anderen kleinen Dorf. Vor zwei Jahren habe ich für sechs Monate bereits ein anderes Blatt im kleineren der beiden Gebiete verteilt, das ich jetzt nun auch habe. Ich möchte euch also ab jetzt jeden Samstag teilhaben lassen an meinen Erlebnissen, die sicher nicht zu knapp und stets abenteuerlich sind. Viel Spaß!

25.7.14 21:09, kommentieren

Kommunikation wird überbewertet

Nachmittags bin ich freundlich, hilfsbereit, nett und offen. Meistens. Manchmal. Zumindest sagen das alle, die – völlig zu Unrecht – den guten Glauben in mich noch nicht verloren haben. Und morgens? Da bin ich Gift. Vielleicht nicht unsozial, aber innerlich ganz schlecht gelaunt und eigentlich sollte mir das Sprechen verboten werden, schließlich stecke ich dann mit meiner schlechten Laune alle an, solange ich nicht alle eigentlich für den Tag gesparten Energien aufwende um noch freundlich auszusehen. Aber wenn mich dann doch jemand zum Sprechen zwingt… Mein lieber Herr Gesangsverein! Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken von „Gehweg doof, Zeitung doof, Hund doof.“ Nein, prinzipiell habe ich nichts gegen Hunde. Aber die Besitzer, das sind die schlimmsten! Und manchmal, da denke ich leider Gottes nicht nur die bösen Dinge, sondern murmele sie mehr oder weniger leise vor mich hin: „Der Typ da, der sieht scheiße aus!“ Was selbstverständlich aber niemals auf „normale Passanten“, sondern immer nur auf Hundebesitzer zu beziehen ist, deren Lieblinge lange genug an der Ecke stehen bleiben um ihr Geschäft zu erledigen sodass jeder meiner Schritte von neugierigen Augen analysiert werden kann. Ich bin mir beinahe sicher, dass es sich bei diesen Leuten um stumme Optimisten handelt, die mir, wenn sie sprechen könnten, etwas von positiven Lebenseinstellungen und den gesundheitlichen Risiken und Auswirkungen negativen Denkens erzählen würden. Da denke ich – zum Wohle aller Anderen – nur: „Hey, Leute, lasst mich morgens doch in Ruhe Pessimist sein!“ Aber trotzdem: Mir tun alle leid, die – tagein, tagaus – dazu gezwungen werden, vor zehn Uhr Kommunikationsversuche mit mir zu starten.

23.7.14 11:15, kommentieren