Ein paar Stunden Zeit

Irgendwann beginnt man, auf Details zu achten. Irgendwann heißt: von Anfang an. Meine Runde dauert dreieinhalb Stunden und die verbringe ich damit, mich genau umzuschauen, meine Umgebung zu betrachten, die Menschen, die an den Fenstern stehen oder Sonnenuntergang gucken. Und manchmal fallen einem Dinge auf, die möchte man gar nicht sehen. Oder man hört Dinge, die möchte man nicht hören. Da hört man ein Feuerwerk – mitten am Tag – vielleicht von ein paar Leuten, die ihre Silvesterreste aufbrauchen. Tagsüber. Bei strahlendem Sonnenschein. Vielleicht von ein paar der wenigen Menschen, die pünktlich 19:00 Uhr ins Bett gehen und daher AUSSCHLIESSLICH im Hellen Leben? Nee, glaub ich nicht. Ich werfe Blicke über Gartenzäune, ich habe ja keine andere Wahl. Dann sehe ich Kinder, fröhlich spielend auf Piratenschiffen, die sich in ihren Größen überbieten. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann wird’s auch genau so sein: Da die Gärten so einsichtig sind, liefern sich die jungen, eifrigen Väter einen Wettkampf um den größten privaten Kinderspielplatz. Für den verwöhnten Sohnemann selbstverständlich nur das Beste vom Besten. Den Geruch nach frischer Farbe von den neuesten Spielplatzerweiterungen verbinde ich mit Frühling. Ja, so fühlt sich das an: In der Sonne ist es warm, die Bäume und Sträucher sind nur noch zu 99% braun und die stummen Optimisten, die ich an diesem frühen Sonntagmorgen traf, gucken nicht mehr halb so grimmig. C'est la vie. J'aime la vie. Ich amüsiere mich im Vorbeigehen darüber, dass es ein Haus gibt, in dem der Fernseher IMMER läuft. Ob ich nun Samstagnachmittag unterwegs bin oder Samstagabend oder eben Sonntagfrüh. Selbst, wenn ich mal mitten in der Woche an dem Haus vorbeigehe oder fahre: Der Fernseher läuft. Dann hoffe ich doch mal, dass es kein Samsung Smart TV ist, der den ein oder anderen Wortfetzen aufnimmt. In einem anderen Haus ist kaum zu unterscheiden, ob es sich am heutigen Morgen um Ehestreit oder doch nur um einen laufenden Fernseher handelte. Das Fenster stand offen und ich bin mir bis jetzt nicht sicher. Aber die Dame von dort ist sehr nett, ich hoffe für sie, dass es nur der Fernseher war. Ein Junge spielt im Vorgarten, rennt am Zaun entlang. Sein Vater kommt, weist ihn zurecht: „Hey! Wenn du deine Jacke an den Zaun hängst, geht der Zaun kaputt!“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Und deine Jacke auch.“ Manchmal halten die Autos an und man fragt mich: „Haben Sie da-und-da schon eingeworfen?“ und ich sage „Nein, habe ich noch nicht.“ Dann nehmen die Fahrer schon mal ihre Zeitung entgegen und sind glücklich und ich bin es auch, weil es wieder ein Haus weniger ist, in dem ich das Gartentor öffnen, die Zeitung in den Briefkasten quetschen, rausgehen und das Gartentor wieder schließen muss. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Dumm nur, wenn die genannte Hausnummer in der genannten Straße nicht existiert und ich eine Zeit lang durch die Straße irre ehe ich kapituliere. Aber all das ist lustig, abwechslungsreich; erklärt, warum ich diesen Job so gerne mache. Nur eine Sache, die zerstört alles wieder. Eine Sache ist so abscheulich, dass ich manchmal doch überlege, den Stift zur Hand zu nehmen und die Kündigung zu schreiben. Es gibt eine Sache, die ich wirklich hasse. Ich hasse es, wenn sich – was nicht selten vorkommt – direkt vor mir die Tür öffnet, ein neuer haariger, schleimiger Typ vor mir steht und Sätze rauswürgt wie: „Freut mich SEHR, wenn ich Sie sehe.“ Zögern. „Und die Zeitung.“ Die die einseitige Unterhaltung mit einem Flachwitz beenden und sich besonders lustig fühlen aber erschrocken zusammenzucken, wenn die Frau aus dem Hintergrund ruft: „Wer ist denn da an der Tür?“ He, lasst die Zeitungsverteiler doch einfach Zeitungsverteiler sein und die paar Stunden in ihrer eigenen sonst so schönen Welt leben! In dem Sinne: Frohe Ostern!

5.4.15 20:01, kommentieren

Alles auf Anfang

Hier bin ich wieder. Ich bin stumm weil ich schweige und genieße. Und im Grunde war und bin ich ja auch ein Optimist weil ich mir eingeredet habe, dass ich eines Tages vielleicht wiederkomme. Eventuell und möglicherweise. Aber um ein richtiger stummer Optimist zu werden, bräuchte ich einen Hund. Ich bin jetzt bei einer neuen Zeitung mit neuen Bedingungen und neuen Verteilzeiten. Ich beanspruche nun den Samstagnachmittag. Es ist Winter, es ist kalt. Aber wisst ihr was? Es war kein einziger stummer Optimist unterwegs! Ob das am Wetter liegt oder an der Tageszeit ist mir noch ziemlich egal. Aber so, liebe Freunde, macht es doch Spaß! Das Gebiet, für das ich verantwortlich bin, ist jenes, welches ich auch ganz zu Anfang in der letzten „Saison“ versorgt habe. Na ja, fast zumindest. Einige Straßen und Häuser blieben jetzt auszulassen, wobei mir erst jetzt bewusst wurde, dass in einer Straße die Nummer 31 nahtlos an die 33 anschloss. Und in einer anderen existierte die 50 neben der 52 – das einzige Haus, in dem ich in dieser Straße einwerfen sollte, war die 51. Da hilft nur Google, unser aller bester Freund und Helfer. Es ist nicht das Gebiet mit Lieselotte und Hans-Peter. Ich war schon in Sorge, all die vergangenen Kuriositäten würden mir jetzt verborgen bleiben. Außer ein paar schweigenden Pärchen bin ich schließlich keinen Menschen begegnet. Aber eines muss man denen aus diesem Dorf lassen – ihre Kreativität und den Stil! Die Idee, Plätzchenformen an Schnüre zu hängen und damit die Sträucher im Vorgarten zu dekorieren, ist zugegebenermaßen wirklich nicht schlecht. Respekt! So viele Unterschiede. Da fragt man sich natürlich, was denn überhaupt geblieben ist. Zum einen sind das die Namen an den Briefkästen. Niemand scheint weggezogen zu sein, niemand hinzugezogen. Das ist dann Woche für Woche definitiv ein effektives Gedächtnistraining wenn man sich zu erinnern versucht, in welchem Haus welche Familie wohnt. Geblieben ist die Postfrau, der ich schon im Vorjahr immerzu begegnet bin, der ich begegne, wenn ich sonst so alleine draußen unterwegs bin und die mir vor Jahren als ich noch klein war mal Bonbons schenkte, als sie uns die Post brachte. Geblieben ist auch meine Freude darüber, wenn mal gleich zwei Briefkästen an einem Haus angebracht wird. Mein Wagen fühlt sich gleich viel leichter an, was bei 350 Stück aber natürlich Irrsinn ist. Doch viel mehr als blieb hat sich insgesamt doch verändert. Und am allermeisten die Atmosphäre. „Die Welt hält den Atem an“ - ich habe mich immer gefragt, woher dieser Ausdruck kommt. Ob Frühling, ob Sommer, ob Herbst, ob Winter: Jetzt habe ich meine ganz eigene Antwort auf diese Frage gefunden.

1 Kommentar 1.2.15 13:06, kommentieren

Schluss, aus und vorbei

Es fühlt sich merkwürdig an. Loszugehen und zu wissen, dass man es zum letzten Mal tut. Jede Zeitung, die ich hervor genommen, jeden Briefkasten, den ich öffnen werde, werde ich nie wieder sehen. Zumindest nicht in einer solchen „erzwungenen“ Situation, wenn ich wiederkomme, dann aus freien Stücken und nicht um zu arbeiten. An der Hecke, wo vor wenigen Monaten noch die Stimme eines kleinen Mädchens verlangt hat, Sophie solle leise sein, ist jetzt im Herbst nur eine Motorsäge zu hören, die das Kaminholz für den Winter klein macht. Wann das Pärchen mit dem riesigen „Wir sagen ja!“-Plakat sich wieder trennt, erfahre ich auch nicht, geschweige denn, wann es endlich ja gesagt hat. Es sollte einen ähnlichen Begriff wie Inkubationszeit bei Pärchen geben – aber im Sinne von „Zeit zwischen Verlobung und Hochzeit“. Den haarigen, unrasierten, ekligen Mann, der mir die Tür schon ein paar Mal vor der Nase aufgerissen hat, habe ich heute nicht gesehen. Zum Glück. Vielleicht wird er seine Zeitung in der nächsten Woche gar nicht mehr bekommen, wenn sich die Gerüchte bewahrheiten, es würde sie ab dann aus Kostengründen nur noch online geben. Ich WETTE, dass es keinen Menschen auf der Welt gibt, der sich Werbung online ansieht! Doch nett waren heute viele. Eine Frau erzählte mir ihre halbe Lebensgeschichte, und die ihrer Tochter, die ebenfalls verteilt(e). Ein etwas älterer Mann und auch eine Frau schienen überglücklich, als ich ihnen ihre Zeitung geben konnte. Fröhlich wünschten sie mir noch ein schönes Restwochenende, und das auf eine Art, die keinesfalls ironisch wirkte. Da ich heute nicht am frühen Morgen, sondern am Nachmittag losgegangen bin, habe ich keinen einzigen stummen Optimisten getroffen. Was war das für eine Erleichterung! Die sind wohl das einzige an der ganzen Sache, die ich nicht vermissen werde. Sag niemals nie, das ist das einzige, was mich erheitern kann. Ich rede mir nicht ein, „nie wieder in diesem Gebiet Zeitungen auszutragen“. Vielleicht komme ich wieder dazu, eines Tages. Ich muss nur warten und der Welt zeigen, dass ich die Richtige für den Job bin! Denn ja , Tiefen der Tage hin oder her, es hat auch Spaß gemacht. Und ich WERDE wiederkommen! Wenn nicht beim Verteilen, dann doch, wenn es in Strömen regnet. Dann werde ich mit unserer eigenen Zeitung kommen und sie als Papierboot gefaltet die Bäche hinunterfahren lassen. Sie hupen lassen oder einen Eisberg rammen. Meine von einer im Hochsommer vollführten barfuß-Tour gezeichneten Füße werden mich an diese Zeit erinnern. Diesen gesamten Sommer und diesen halben Herbst. Weil alle Personen einzigartig sind. Insbesondere Hans-Peter und Lieselotte, die jetzt im Winter sicherlich auch ihre Angeln wegstecken müssen. Aber ganz egal, was kommt, ich danke allen für alles und das interessanteste Dorf auf Erden ist ja auch nicht aus der Welt sondern ganz nah. Ganz. Egal. Was. Kommt.

2 Kommentare 26.10.14 18:18, kommentieren

Auf der Mauer, auf der Lauer

Ich war heute schon ziemlich spät dran mit dem Verteilen. Manchmal ist ausschlafen eben auch wichtig und Hauptsache, die Zeitung kommt überhaupt irgendwann an. Bevor ich den Job begonnen habe, hat mein Gebietsbetreuer genau das ebenfalls gesagt, schließlich hat keiner der Bewohner ein Anrecht auf die Zeitung. Und überhaupt, es ist ja nur Werbung, wie wahrscheinlich ist es denn, dass es tatsächlich Leute gibt, die wie verrückt auf ihre Zeitung warten? Wahrscheinlicher, als man denkt. Im kleinen Gebiet stand heute jemand hinter einem Holztor, das an die Hauswand angrenzt. Ich kenne das Haus schon von meiner Zeit vor zwei Jahren als ich hier ausgetragen habe. Damals habe ich genau von dieser Adresse eine Beschwerde bekommen weil man dort keine Zeitung erhalten hat. Die wohl einzig wirklich korrekte Beschwerde die man mir je ausgeteilt hat, denn von vorne ist das Haus versiegelt, das Tor ist morsch, die Wand verdreckt, der Briefkasten ist halb zugeklebt und trägt kein Namensschild. Ich hatte damals angenommen, dort würde keiner leben. Na ja, falsch gedacht, und seitdem bin ich immer ganz besonders verantwortungsbewusst gewesen wenn ich dem Haus die Zeitung gebracht habe. Der Mann kommt mir etwas gruselig vor. Auch er sieht aus, als würde er dort nicht hingehören. Ich steige vom Fahrrad ab, kehre ihm den Rücken zu und ziehe eine Zeitung aus meinem Korb hervor. Es ist nicht ganz einfach, denn sie sind mit einem Gummi verschnürt, damit sie nicht herausgeweht werden. Dann gehe ich auf den Briefkasten zu, ohne den Mann zu beachten, und quetsche die Zeitung irgendwie an den Klebestreifen vorbei. Geschafft, nichts wie weg! Als ich wieder aufsteige, sehe ich den Mann doch kurz an. Endlich hat er sich bewegt, öffnet das Tor (ganz langsam!), nimmt die Zeitung und schließt das Tor hinter sich wieder. Dann bin ich weg. Hat er wirklich auf die Zeitung gewartet? Schließlich erreiche ich die letzte kleine Seitenstraße, in der ich einwerfen muss. Ich steige vom Fahrrad. Links von mir lehnt ein Mann am Gartenzaun und starrt mich an. Als ich eine Zeitung aus dem Korb nehme, kommt er auf mich zu. Er scheint wie viele andere denen ich so begegne die Zeitung entgegennehmen zu wollen. Doch ich tu ihm den Gefallen nicht sondern wende mich erstmal ans Haus zu meiner rechten. Dann nehme ich die zweite Zeitung aus dem Korb und gehe auf den Briefkasten zu. Doch der Mann kommt mir zuvor, geht erneut von seinem Platz am Gartenzaun auf mich zu und nimmt mir die Zeitung ab. Dann geht er zurück ins Haus. Hat der etwa auch auf mich gewartet? Oder stand der zufällig am Zaun? Ist ja gut, das nächste Mal stehe ich wieder früher auf, dann ist die Zeitung auch rechtzeitig da! Ich muss noch einmal am ersten Haus vorbei. Der Mann steht immernoch hinter dem Tor, oder wieder. Irgendwie gruselig. Und abends fahre ich noch zweimal dran vorbei, auch wenn meine Tour schon lange vorbei ist. Auch dann steht der Mann noch da. Hat etwa einer meiner Kollegen von einem anderen Blatt heute noch nicht verteilt oder woher weht der Wind? Geht mich ja auch nichts an. Aber manche Dinge sind einem einfach nicht geheuer.

1 Kommentar 19.10.14 18:55, kommentieren

Schon wieder komische Typen

Ersteinmal sorry, dass ich letzte Woche wieder einmal gar nicht zum Schreiben gekommen bin. dafür heute (leider?) dieser zweite, etwas kürzere Post. Eigentlich nur eine Meldung. Eigentlich nur etwas, das mich schockiert hat und ich es deshalb nicht für mich behalten kann, darf, sollte. Vor ein paar Wochen habe ich von "komischen Typen" erzählt. Unter anderem von einem, der mich bereits an der Tür erwartete und behauptete, oftmals keine Zeitung bekommen zu haben und dass sein Briefkasten ja in der Tür sei. Ja genau, so ein behaarter, eklig-stinkender Typ den man nie wieder sehen will. Na ja, wollen ist immer so eine Sache. Ich HABE ihn heute nämlich wieder gesehen. ich war noch nicht einmal in der Einfahrt, da öffnete sich schon die Haustür. Wie habe ich in den letzten Wochen an dieser Stelle immer gehofft, dass genau das nicht passiert! Seine Frau habe ich einmal im Garten gesehen, und die schien mir auch eigentlich ganz nett. Klarer Fall davon, dass Sippenhaft ganz und gar keine gute Idee ist, nie. Der Typ nahm die Zeitung und bedankte sich. Ich sagte gar nichts, denn ich wusste, hätte ich den Mund aufgemacht, hätte ich ihn nur drauf hingewiesen, dass er sich mal rasieren müsste, ein neues grinsen brauchte, und auch neue Klamotten. Auch, wenn ich schon lange !gekündigt! bin: So gut wäre das nicht angekommen. Aber c'est la vie, Leute, das bin ich! Und ich habe ja jetzt auch leider nur noch zwei Mal. So viel erlebt habe ich in der Zeit... Und ja, über das meiste kann ich auch lachen. Sonst würde ich ja nicht drüber schreiben, oder? Immer dieses Aufregen über alles und jeden, jaja. Manchmal rege ich mich gerne auf. Okay, eigentlich nicht, aber oft - sehr oft - ist es einfach nötig. Und manchmal trifft man dadurch einfach die besten Erkenntnisse, nämlich die, dass beispielsweise zumindest hier bei mir in der Gegend ein Großteil der morgenaktiven Vertreter der älteren Generation (die Hundebesitzer halt) weniger nett sind als die Leute, die man am Nachmittag trifft. Nächstes und übernächstes (also vorletztes und letztes Mal) sollte ich also am Nachmittag gehen, um den Job mit einem Grinsen im Gesicht zu verlassen. Einem fröhlichen Grinsen und nicht einem ekligen, wie ich es heute und schon vor ein paar Wochen von einem gewissen Menschen zugeworfen bekommen habe. Iiiiiiiieh!

2 Kommentare 11.10.14 22:32, kommentieren

Wenn die Füße Windmühlen spielen

Wie jedes Kind bin ich früher dem Drang der Comichefte im Supermarkt nicht entkommen. Dann stand ich vor den Regalen von Donald Duck & Co. die mindestens drei Mal so groß waren wie ich. Ich werde oft daran erinnert, wenn ich Kinder sehe, die jetzt genau in dem Alter sind und tief versunken sind in die „Lustigen Taschenbücher“, mitten in Entenhausen. Einiges ist mir daran immer ganz besonders in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel habe ich mich immer gefragt, ob Enten die Füße wirklich kreisförmig bewegen können, denn genauso sieht es aus, wenn Donald Duck wegrennt, „so schnell ihn seine Füße tragen“. Jahrelang ist es mir ein Rätsel geblieben. Solch Kleinkindfragen vergisst man niemals. Wenn auch nicht im Vordergrund stehend kommen sie doch noch das ein oder andere Mal hervor, wenn man durch irgendetwas daran erinnert wird. Und bin ohnehin jemand, der sich unsinnige Dinge merkt. Was andere Leute als „wichtig“ deklarieren, vergesse ich dafür schnell wieder. Aber nie bin ich auf die Idee gekommen, mir das Verhalten von Entenfüßen bei aufkommender Panik mal von Google erklären zu lassen. Heute aber, da ging es mir selbst so, als wäre ich eine Ente, und auch meine Füße verhielten sich so, absolut nicht gesteuert von mir selbst. Das war faszinierend, was ich aber versprechen kann! Eigentlich besteht mein noch-Verteilgebiet beinahe ausschließlich aus Bungalows. Ausgenommen ist da vielleicht das „hässlichste Haus des Dorfes“, das ich gemeinsam mit ein paar Freunden als ebenjenes gekrönt habe. (Es hat irgendwie kein Dach, ist braun, ein Neubaublock, sieht aus wie ein Legostein, hat keine Fenster auf der der Straße zugewandten Seite und ein Garten ist auch nicht drum rum, nur Pflaster. Da kann man doch nicht wohnen!) Und ein weiteres „anderes“ Haus gibt es noch. Vierstöckig zieht es sich schmutzig-grau und hässlich in die Höhe. Die Scheiben sehen aus wie 50 Jahre nicht geputzt und den Vorhängen dahinter geht es ähnlich. Ein Garten ist auch hier nicht vorhanden, dafür ein Parkplatz über den ich zwangsläufig gehen muss, wenn ich Zeitungen einwerfen will. Aber einen Vorteil hat das Haus, wenn auch sonst ich dort verständlicherweise nicht gern bin: Ich kann gleich ein Dutzend Zeitungen auf einmal loswerden! Da fühlt sich der Wagen doch mit einem Schwung gleich viel leichter an und ich habe ein Erfolgserlebnis. Heute gehe ich also wie jeden Samstag an diesem Haus vorbei. Ich habe den Parkplatz noch nicht ganz überquert, die Briefkästen nicht erreicht, da zucke ich zum ersten Mal erschrocken zusammen. Das Fenster steht querangelweit offen, die schmutzige Gardine weht im Wind. Ein Gestank wie aus einer Bärenhöhe weht mir entgegen und zu allem Übel beginnt ein Wecker im schrillen, schiefen Ton zu klingeln, der schon bald zu einem Hahnenschrei übergeht, was jedoch auch nicht besser ist. Ich beeile mich, die Zeitungen einzuwerfen. Doch bereits beim vierten Briefkasten höre ich Stimmen im Treppenhaus. Ein grummeliges Maulen, begleitet von einem Bellen. Nein, nein und nochmals nein! Zwar weiß ich nun, dass stumme Optimisten auch reden können, wenn sie es wollen (auch wenn es scheinbar nur im Haus möglich ist), aber ich bin ganz und gar nicht erpicht auf eine tatsächliche Begegnung. Also nehme ich die Beine in die Hand und renne und während ich das tue, bilden meine Füße Kreise, wie Windmühlen, oder wie Ventilatoren. Ist ja auch bitter nötig!

11.10.14 22:20, kommentieren

Der Optimisten ihre Lieblinge

Trotz meiner sich dem Ende nähernden Zeit als Verteilerin ist heute aber natürlich trotzdem noch so einiges passiert. Ach, ich glaube, ich werde das alles echt vermissen ... Wenn keiner mit ihnen spazieren geht, dann sind sie eingesperrt. Laufen in umzäunten Garten herum, jagen nach Mäusen oder liegen einfach nur da, wenn sie eines faulen Charakters gesegnet worden sind. Bis irgendwas passiert, das sie motiviert, aufzuspringen und woandershin zu laufen. Das sind sie: die Hunde. Auf dem Dorf leben bekanntlich noch mehr davon als in der Stadt. Warum sonst sollte man aufs Land ziehen? Wegen der Idylle und Ruhe? Wohl kaum, die ist schließlich auch nicht immer gegeben. Und hier in Mecklenburg-Vorpommern gibt es neben Rostock auch keine nennenswerten Großstädte, die Ruhe sollte also überall gegeben sein. Nichtsahnend bewegt man sich auf die Gartentore zu, auf die Briefkästen, faltet die Zeitung im Gehen bereits zusammen und will sie gerade versenken, da schießt wie aus dem Nichts ein Bündel Fell auf einen zu, das auch noch wie wahnsinnig zu jaulen und bellen anfängt. Panisch macht man einen Sprung nach hinten, die Zeitung immernoch in der Hand. Chance verpasst. Was jetzt tun? Der Briefkasten ist direkt am Gartenzaun und während die Kreaturen an diesem hochspringen, sieht man ihre langen Klauen und die spitzen Zähne. Die Hand auch nur in die Nähe halten und wahrscheinlich wäre sie ab. Man bleibt also stehen und wartet ab. Viel zu lange, viel zu lange. Die Augenblick verrinnen. Die zeit läuft. Eigentlich hätte man schon längst zuhause sein können. Der Hund langweilt sich allmählich wieder. Jetzt oder nie! Also Angriff auf den Briefkasten und rein mit der Zeitung. Der Hund stürzt zurück. Puuh, gerade noch geschafft! Da helfen auch die „Hier wache ich!“-Schilder nichts, wenn man sie doch erst viel zu spät sieht. Und Schild hin oder her – die Hunde sind trotzdem da. Andere Hunde sind mir da lieber. Heute war der Himmel bewölkt, als ich losgezogen bin. Wie immer war es noch früh und – ebenfalls wie immer – war der erste Mensch, der mit entgegenkam, einer mit Hund. Aber er war nicht stumm (der Mensch, nicht der Hund). Erst wünschte er mir einen guten Morgen, sagte mir dann, sein Hund bräuchte keine Zeitung und dann noch, dass er Angst vor Gewitter habe (der Hund, nicht der Mensch). Hunde könnten wohl zehn Mal besser hören als Menschen, erklärte er mir, in der Ferne hätte der Hund es donnern hören und wollte jetzt so schnell wie möglich nach Hause und runter vom Feld, runter von der Straße, raus aus dem Wald. Solange er, sobald er zuhause ankommt, sich nicht an den Gartenzaun stellt und den vorbeikommenden Zeitungsverteilern auflauert.

27.9.14 12:45, kommentieren

Eine schockierende Änderung

Zuerst einmal ein dickes Sorry dafür, dass ich es in der letzten Woche nicht geschafft habe, den Blog zu führen. Das ist einzig der mangelnden Zeit zuzuschreiben und wird hoffentlich in den nächsten Wochen nicht wieder vorkommen. Und danach werde ich eine Zeit lang gar nichts schreiben können, da ich ich gestern meine Kündigung erhalten habe. Die Zeitung, die ich seit ca. einem halben Jahr verteile, stellt ihr Verteilersystem um, sodass alle bisherigen Verteiler gekündigt worden sind. Ich tippe auf die Finanzierung als Problem, auch wenn es so konkret nicht geschrieben worden ist. Ich finde es ziemlich schade, da meine Konditionen besser nicht hätten sein können. Ich hatte ein super Gebiet und ein ein angemessenes Gehalt. Der Vertrag läuft somit Ende Oktober aus, ich erhoffe mir jedoch, spätestens im Frühling auf anderen Touren wieder unterwegs sein zu können, selbstverständlich werde ich alles schildern.

27.9.14 12:36, kommentieren

Lauter komische Typen

Aufgrund weniger mitzuverteilender Werbung habe ich gestern sehr kurzfristig beschlossen, erst die große Runde zu machen und heute die kleine. Gesagt, getan. Mensch, war das entspannt, nur zwei Mal Werbung zusätzlich, in der letzten Zeit sind es momentan oft bis zu fünf Mal! Sofort musste ich feststellen, dass die Menschen, die abends draußen unterwegs sind, andere sind, als die, die ich immer am Samstagmorgen treffe. Und das war bis zu einem gewissen Zeitpunkt durchaus positiv anzumerken. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt? Genau! Ich war fast durch mit meiner Runde. Und ich war erleichtert darüber. Der Herbst ist da und inzwischen wird es schon wieder ziemlich früh dunkel. Ich ging auf ein weißes Reihenhaus zu und wollte gerade die Zeitung stecken, da ging die Tür auf und ein Mann trat vor die Schwelle, der so aussah, als hätte er im Solarium die Zeit vergessen. Und dazu ein Zahnpastagrinsen, aber so ein schiefes, eines von der ganz üblen Sorte. Das sollte wohl ein Lächeln sein. „Grüß mir doch mal die Muddi“, sagte er. Und ich, ich konnte nur blöd zurück grinsen und machte, dass ich das Weite suchte. Und dann kam der nächste komisch Typ. Dieser hat keinen Briefkasten sondern stattdessen einen in der Tür eingelassenen Schlitz, wie man das so manchmal sieht. Ich ging auf die Haustür zu und wieder öffnete sie sich direkt vor meiner Nase. Auch dieser Typ war einer von der Sorte „ganz, ganz eklig!“ Er trug ein schweißdurchtränktes Hemd und seine Körperbehaarung schien überall hervorzuquellen. Er erklärte mir, dass seine Zeitung in den Schlitz gehöre (ach nee!) und dass er wohl schon zwei Mal keine Zeitung bekommen habe (hat bestimmt seine Frau vor ihm versteckt. Wenn er denn eine hat. Wenn.) Ich hielt mich zurück mit der Aussage, es stünde ihm ja auch gar keine zu. Er sagte dann noch gönnerhaft: „Aber das ist ja nicht so schlimm, ich werd das schon nicht melden.“ Wär mir – wie ich zugeben muss – dann doch egal gewesen, wenn er's getan hätte. Er hätte ja doch nichts davon gehabt, schließlich werfe ich durchaus bei ihm ein! Er fragte mich dann noch über den Mann aus, den er vor ein paar Wochen gesehen hätte (als ob ihn meine Vertretung etwas angeht!) und fragte, ob das mein Vater sei. Das nächste Mal sage ich ihm, das war mein Freund, dann hält er die Klappe. Mal im Ernst, solche Stalker, die bestens bescheid wissen, zum Beispiel über die Vertretungen, solche Leute, die können mir echt gestohlen bleiben. Und sonst so? Die Klischees für Eigenheimbesitzer im kleinen Gebiet kann ich noch immer so unterstreichen. Auch heute noch waren im kleinen Gebiet die Leute draußen und haben ihre Blumen gestutzt. Scheinbar doch keine Anzeichen von Herbst, und vom Regen sollte man sich ja auch gar nicht erst stören lassen. Das ist diesen Leuten ja egal. Und mir sind sie auch egal, solange man mich das nächste Mal doch aber bitte ich selbst sein lässt, ohne niveaulose Kommentare von jenen Leuten, die mich duzen (und ja, nur solche Leute wie oben beschrieben duzen mich unterwegs, alle „freundlichen“ und damit sympathischen Leute nutzen das Sie. Nicht, dass ist wert drauf legen würde mit 16 Jahren, aber dieser Unterschied ist schon auffallend.)

13.9.14 21:39, kommentieren

Warum wir wissen, dass der Sommer vorbei ist

In der 36. Kalenderwoche sind die Läden und Geschäfte schon längst gefüllt mit Lebkuchen und Stollen. Zimtgeruch liegt in der Luft. Still und heimlich warten wir doch alle darauf, dass die erste Kerze brennt und das Adventskalendertürchen aufgemacht werden kann. Auf dieses Gefühl „oh, jetzt ist ja Weihnachten“. Ideal wäre also ein nahtloser Übergang zwischen Sommer und Weihnachten. Nur leider hat uns die Erde da einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn nicht mal sie kann sich teleportieren bei ihrer Rotation um die Sonne. Und nach dem Sommer, da geht’s noch weiter. Also erfand man den Herbst. Die Zeit der Blättertänze und viel zu kalten Regenschauer. Aber einige von uns scheinen das noch nicht so ganz verstanden zu haben, mit diesem Herbst. Oder wollen es nicht verstehen, wie auch immer. Denn vermehrt sichtete ich heute Lichterketten in schillernden Farben, zwar noch nicht angeschaltet, aber auch das kann nicht mehr lange dauern. Und sonst? Wie können wir noch mitbekommen, dass der Sommer Schluss gemacht hat? Schließlich schreibt er uns (noch) keine Whats App Nachricht mit diesem Hinweis. Einige Leute wissen es trotzdem irgendwoher. Hier beispielsweise gibt es keine stumme Optimisten mehr. Ihr wisst schon, diese Menschen mit kleinen runden Sonnenbrillen und Hunden (ihren Lieblingen), die an den Ecken stehen bleiben und mich anstarren während sie hämisch grinsend positive Gedanken in die Luft streuen. Stumm. Oder sind es Pessimisten? Nee, das würde nicht passen mit dem Grinsen. Heute war keiner davon unterwegs, kein einziger. Ich kenne die meisten inzwischen vom Sehen, oder ich glaube das nur weil sie alle gleich aussehen. Wahrscheinlich letzteres. Ihre Lieblinge aber weiß ich zu unterschieden und die sind heute genau wie eh und je unterwegs gewesen. Aber nicht mit ihren Herrchen, sondern mit ihren Frauchen! Das ist ein Anblick, so als hätten sich sämtliche Ex-Optimisten plötzlich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Und sie gehören auch nicht mehr zu der Sorte Mensch, die im Sommer selbst bei völliger Dunkelheit mit Sonnenbrille rumläuft. Ich habe heute keine einzige Sonnenbrille gesehen. Wie kann ich das verstehen? Apokalypse? Oder ist einfach nur der Sommer vorbei?

6.9.14 19:55, kommentieren